Geschichte der Verhaltenstherapie

Ein genauer Zeitpunkt für die Geschichte der Verhaltenstherapie lässt sich nicht festlegen. Wir können aber davon ausgehen, dass es immer Menschen gegeben hat, die mehr oder weniger systematisch -mit mehr oder weniger Erfolg- versucht haben, ihr Verhalten zu verändern. Als Beispiel mag hier aus der Antike Demosthenes angeführt werden. Er litt unter einem Sprachfehler, korrigierte diesen durch Sprachübungen in der Weise, dass er sich einen kleinen Kieselstein in den Mund legte und mit diesem gegen das Meer lautstark Sätze artikulierte. Dadurch verbesserte er sein Sprechen derart formklar, dass er zu einem großen Redner wurde. Auch von Goethe wissen wir, dass er seine Höhenangst durch Übungen positiv veränderte. Bei den Urvölkern können bestimmte Rituale im weitesten als Übungen zum veränderten Verhalten und zur Mutstärkung bezeichnet werden. Wenn zum Beispiel Heranwachsende die Nacht allein im Wald verbringen mussten, wenn sie durch Übungen das Jagen erlernten und ihre Angst zu steuern lernten. Auch heute überwinden sich Kinder und Jugendliche immer mal wieder zu verschiedenen Übungen, die mehr oder weniger ungewusst auch eine Art Verhaltenstraining darstellen, wenn sie sich zum Beispiel allein und mit Angst in den dunklen Keller wagen, oder sich doch überwinden müssen, allein Einkäufe zu tätigen. Die Methoden der Verhaltenstherapie haben vielfältige Wurzeln. Mit den Ergebnissen der experimentellen Lernpsychologie kann auch der Beginn der Verhaltenstherapie gesetzt werden. Systematische Erkenntnisse des russischen Physiologen Iwan P. Pawlow (1849-1936) entdeckte 1904 das Prinzip der klassischen Konditionierung. Aus diesen Ergebnissen folgten weitere Ergebnisse in der Versuchsanordnung mit Tieren und Menschen. John B. Watson (1878-1958) begründete 1913 den Behaviorismus die so genannte Reiz-Reaktions-Psychologie. Thorndike, Pawlow und Watson formulierten Lerngesetze, die sie in verschiedenen Versuchsreihen entdeckt haben. Mitte 1950 forschen in England (Eysenk, Shapiro, Jones), in Südafrika (Wolpe, Lazarus) und in den USA (Lindsly, Skinner, Mowrer, Dollard, Miller) über das Lernen von Verhalten, sie formulierten lerntheoretische Prinzipien.

Verhaltens und Erlebensänderungen kommen durch Lernprozesse zustande, durch psychologische Maßnahmen können falsche Einstellungen, Gewohnheiten und emotionale Reaktionen gezielt verlernt werden.    

Der Behaviorismus schloss mentale Prozesse aus ihrem Forschungsbereich aus. Mit der „Kognitiven Wende“ Anfang 1970 werden Kognitionen (Einstellungen, Erwartungen, Überzeugungen) als verhaltenssteuernde Komponenten entdeckt. Einige namhafte Verhaltenstherapeuten waren an diesem Paradigmenwechsel maßgeblich beteiligt: BANDURA (Modelllernen), MEICHENBAUM (Selbstinstruktionstraining), LAZARUS (multimodale Therapie), KANFER (Selbstregulation) sowie MAHONEY.

Die psychologischen Prozesse konnten immer detaillierter beschrieben und auch wissenschaftlich erfasst werden. Es wurden Verhaltensanalysen nach klaren Strukturen auf verschiedenen Ebenen (motorisch, kognitiv, emotional, physiologisch) systematisch aufbereitet, Bedingungen beschrieben, die die zu behandelnde Störung aufrecht erhielt, und Therapiekonzepte entwickelt, die eine Veränderung bewirkten. 

Seit ca. 1970 findet der Begriff Verhaltenstherapie und Verhaltensmodifikation Anwendung. Verschiedene Strategien zur Veränderung von psychischen Störungen finden Eingang in die Verhaltenstherapie. Somit ist die Bezeichnung Verhaltenstherapie der Oberbegriff für systematisch entwickelte Therapiestrategien bezogen auf verschiedene Störungen.

Die Verhaltenstherapie weist einen engen Bezug zur Grundlagenforschung auf, sie strebt eine systematische Evaluation des therapeutischen Handelns an. Eine permanente Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie findet unter anderem deshalb statt, weil sie sich nach allen Seiten hin offen zeigt. Psychologische Ansätze aus der Lerntheorie, der Motivations-, Kognitions-, Sozial-, Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie fließen in die verhaltenstherapeutischen Konzepte mit ein. Aufgrund der multidisziplinierten Sichtweise für menschliche Störungen und Probleme werden auch Inhalte aus der Neuropsychologie, der Medizin, der Psychophysiologie, der Biologie, der Biochemie und der Sozialwissenschaften genutzt.

Die Kognitive Verhaltenstherapie ist eine systematische Weiterentwicklung (mehr dazu unter kognitive Verhaltenstherapie). 


Weiterführende Informationen

 

Lernpsychologie

Behaviorismus

Kognitivismus